Editorial 2026-4 Jugendverbände in der „wehrhaften Demokratie“

Liebe Mitglieder & Freunde,
 
die heißen Sommertage sind vorbei, die politischen Diskussionen werden dafür umso hitziger. Wir möchten deshalb an etwas Grundsätzliches erinnern: Wir sind kein Anhängsel irgendeiner Partei. Wir sprechen mit allen politischen Lagern, diskutieren offen und vertreten dabei unsere eigenen Überzeugungen. Nur politische Unabhängigkeit ermöglicht es uns, unsere Prinzipien zu bewahren und uns nicht von wechselnden Wahlprogrammen oder taktischen Interessen abhängig zu machen.
 
Unabhängig zu sein bedeutet allerdings nicht, wertneutral zu sein. Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Meinungs- und Religionsfreiheit, der Schutz von Minderheiten und die friedliche Austragung gesellschaftlicher Konflikte sind für uns zentrale Werte. Sie bilden die Grundlage unserer Arbeit. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben aus den Erfahrungen der deutschen Geschichte bewusst eine starke Werteorientierung in unsere Verfassung aufgenommen.

Was bedeutet das für uns Jugendverbände?

Erstens: Wir wollen Demokratie praktisch erlebbar machen. In der Vereinsarbeit können junge Menschen Selbstbestimmung, Diskussion, Kompromiss und Beteiligung unmittelbar erfahren und einüben.

Zweitens: Wir wollen Demokratie aktiv schützen. Jugendliche sollen lernen, demokratiefeindliche, extremistische und menschenverachtende Positionen zu erkennen und ihnen mit Argumenten und demokratischen Mitteln entgegenzutreten. Unsere Zusammenarbeit von über 35 Verbänden zeigt dabei ganz praktisch, dass Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, religiösen und politischen Hintergründen gemeinsame Regeln entwickeln, Konflikte austragen und gemeinsam handeln können.

Drittens: Wir wollen junge Menschen befähigen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Politische Angebote müssen kritisch geprüft werden: Sind sie mit den Grundsätzen unserer Verfassung, den Prinzipien der wehrhaften Demokratie und unseren gemeinsamen Werten vereinbar?

Gerade das ist heute wichtiger denn je. Die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen sind enorm: Klimawandel, Krieg und internationale Konflikte, Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, Zölle und Veränderungen des Welthandels, die KI-Revolution und der demografische Wandel treffen gleichzeitig aufeinander. Viele Menschen spüren die Folgen ganz konkret – bei Preisen, Wohnungssuche oder auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig werden politische Debatten, gerade in sozialen Medien, häufig von Vereinfachungen, gegenseitigen Schuldzuweisungen und zu wenig Sachlichkeit geprägt.

Ja, es braucht Reformen. Und ja, Reformen können auch bedeuten, dass Kosten eingespart oder Belastungen neu verteilt werden müssen. Entscheidend ist aber: Wer trägt diese Kosten? Es darf nicht zur einfachen Antwort werden, die Schwächsten der Gesellschaft verantwortlich zu machen oder Migrantinnen und Migranten zu Sündenböcken zu erklären. Die Ursachen unserer Probleme sind komplexer. Auch die Folgen der Globalisierung haben unsere Gesellschaften tief verändert. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wer profitiert davon – und wer trägt die Lasten?

Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, in der Wohlstand, Chancen und Verantwortung fairer verteilt sind. Die Lösung kann nicht darin liegen, soziale Schwächere gegeneinander auszuspielen oder grundlegende Prinzipien unseres Gemeinwesens infrage zu stellen.

Hier haben Jugendverbände eine wichtige Aufgabe: Wir können informieren, aufklären, diskutieren, Kompetenzen vermitteln und gemeinsam nach Wegen suchen, wie ein gerechtes und erfolgreiches Zusammenleben möglich ist.

Unsere Demokratie und unser Rechtsstaat sind nicht perfekt. Aber sie zu schwächen oder gar abzuschaffen, löst unsere Probleme nicht. Wir wollen deshalb dazu beitragen, die demokratischen Grundlagen unseres Gemeinwesens zu bewahren und notwendige Reformen innerhalb dieses Rahmens sozial ausgewogen und menschlich zu gestalten.

Auch unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Aber durch Information und Aufklärung, durch unsere Angebote und Aktivitäten und durch Hilfe zur Selbsthilfe wollen wir junge Menschen stärken – damit sie gerade in turbulenten Zeiten mit kühlem Kopf, aber engagiert und selbstbewusst ihre eigene Meinung bilden, ihren Weg finden und unsere Gesellschaft ein Stück gerechter machen können.

Dafür arbeiten wir seit über 30 Jahren. Und dafür haben wir auch diesmal wieder ein neues Quartalsprogramm zusammengestellt, das ihr hier auf unserer Website findet. Wir freuen uns, Euch bei unseren Aktivitäten begrüßen zu können!

In diesem Sinne und bis bald
Eure Gabriela (1. Vorsitzende)
Hamburg,  1. Oktober 2026